Als Friedrich Walti 1976 in «Der Wind weiß keine Antwort» die Trockenheit beschrieb, hielt er ein Trauma fest: vergilbende Kartoffelfelder, versiegende Dorfbrunnen, taube Weizenähren und die quälende Ungewissheit, wie das Vieh ohne Futter durch den Winter kommen soll. Genau ein halbes Jahrhundert später holte die Realität diese Zeilen wieder ein. Der Hitzesommer 2026 hat als heissester Sommer seit Messbeginn 1864 alle bisherigen Rekorde gebrochen und weite Teile des Landes in eine ausgedörrte Landschaft verwandelt.
m Rekordjahr 2026 waren es nicht mehr nur lokale Ausfälle: Bäche trockneten aus, das Grundwasser sank auf historische Tiefstände, und die Landwirtschaft geriet durch Futtermangel, frühe Notschlachtungen sowie massive Einbußen bei Frühjahrskulturen wie Kartoffeln oder Rüben unter beispiellosen Druck.
Waltis Text trug bereits damals eine Mahnung in sich, die im Kontext des heutigen Klimawandels umso schärfer hervortritt. Er kritisierte den naiven Glauben an einen unerschöpflichen Überfluss und das bequeme Vertrauen darauf, dass billiger Importweizen die Lücken schon schließen werde. Der Sommer 2026 hat unmissverständlich verdeutlicht, dass weltweite Wetterextreme auch die globalen Märkte verknappen und die Illusion grenzenloser Verfügbarkeit brüchig wird.
Die Szene erinnert daran, dass Anpassungsstrategien, Wasserspeicherung und ein wirksamer Klimaschutz keine theoretischen Debatten mehr sind. Sie entscheiden darüber, ob ein Hof und die menschliche Lebensgrundlage eine Zukunft haben, wenn der Wind erneut nur heiße, trockene Luft über das Land trägt.
Ein schöner, trockener Mai geht vorüber.
Anfangs Juni regnet es einige Tage. Aber auf einmal wird es wieder schön. Der Wind spielt mit den Bäumen und den Wolken. Es vergehen Wochen, und kein Tropfen Regen fällt mehr vom Himmel. Die abgeernteten Heuwiesen trocknen aus. Der Durst draußen in den Feldern nimmt zu. Die Sonnenhänge werden rot. Aber es bleibt nicht nur bei den Sonnenhängen. In der ersten Julihälfte vergilbt das Kraut der Kartoffeln. Auch die Rüben lechzen umsonst nach Wasser. Die Erde springt auf und verkrustet sich. Das Gras wird knapp, und ein Brunnen nach dem andern verstummt. Aber die Sonne brennt unvermindert weiter auf das Land herab. Selbst frühmorgens liegt kein Tau mehr auf den Pflanzen. Der Wind leckt auch die kleinste Erfrischung weg. Schon gibt es Früchte, die unreif von den Zweigen fallen. Das Emdgras verkümmert. Bald beginnt man an einigen Orten mit dem Verfüttern von Heu. Während man sich in den Badeanstalten sorglos in der Sonne räkelt, bangen Bauern um ihre Existenz. Wie sollen sie ihr Vieh durch den Winter bringen? Man denkt an die Heupreise. Aber man macht sich auch Sorgen um das Getreide. Trockenheit und Hitze treiben alles vorzeitig zur Reife an. Die goldgelben Weizenfelder sind ein trügerisches Bild. Viele Ähren ragen stolz und leer in die Höhe. Ihr Wert ist oft beinahe so gering wie jener der Halme. Das Stroh gewinnt an Bedeutung. Die Bedeutung schlägt sich im Preis nieder. Die Heupreise werden höher klettern. Da kann ein Stall voll Vieh zum Albdruck werden. Das Abschlachten einiger Tiere ist oft die einzige schmerzliche Lösung.
Die Bauern hätten Grund zum Jammern. Aber sie jammern nicht. Sie beißen auf die Zähne und warten auf den Regen. Er müßte aber bald kommen. In einigen Tagen wird es zu spät sein. Für viele Kulturen wäre es schon jetzt zu spät. Das einzige, was im Überfluß vorhanden ist, sind die Fliegen. Die Not zeugt auch Hilfe. Bewässerungsaktionen werden organisiert. Eigentlich müßte man jetzt wieder ans Brot denken. An den Hunger noch nicht, aber ans Brot. Es ist nicht nur die Weizenernte der Schweiz, die schlecht ausfällt. Das Getreide wird knapp werden. Wo bleiben denn die großen Sprüche vom billigen Importweizen? Vom Geschrei nach tiefen Preisen für landwirtschaftliche Produkte wächst noch lange kein Korn heran. Man wird wieder ans Brot denken! Nicht aus irgend einer Einsicht heraus, bewahre nein. Eines Tages wird man nicht mehr lachen über die Prophezeihung, daß der Stolz sich beugen wird vor dem Hunger. Der, den niemand mehr wahrhaftig um das tägliche Brot gebeten, wird den Hochmut zerschlagen. Der Wind hat sich längst erhoben. Wie ein Heuschreckenschwarm, der vom Himmel fällt, wird es über uns kommen. Wir glauben an den Überfluß, doch die Rechnung ist gestellt. Morgen müssen wir sie bezahlen. Kein Gelehrter wird uns davor bewahren, denn die Gerechtigkeit nimmt ihren Lauf. Wer sie aufhält, wird von ihr erdrückt. Das ist keine Sektiererpredigt, das ist die Wahrheit, und die hört sich oft genau so an. Dazu gehört noch, daß Landwirtschaft wieder «in» ist. Man trägt wie gesagt modisches Grün.


